LEBEN IM KINDERHAUS


Kinder ohne Zukunft?

 

Das Kinderhaus besteht seit zwanzig Jahren in Hamburg-Nienstedten, im Sommer 2012 eröffnete es eine weitere Dependance südlich der Elbe in Cranz.

 

Zwanzig Jahre Kinderhaus, das heißt, hier haben schon viele junge Menschen ein neues Zuhause gefunden. Bei einigen genügte ein Aufenthalt von wenigen Monaten, andere blieben viele Jahre. Aber wer sind diese Kinder, und aus was für Familien stammen sie? Oft kommen sie vom Rand unserer Gesellschaft, spielen Alkohol, Drogen oder Behinderungen der Eltern die zentrale Rolle. Manchmal geraten aber auch ganz normale Familien aus den Fugen. Über einige von ihnen möchten wir nun berichten: 

 


Nadine kann mit zehn Jahren noch nicht lesen

 

Nadine* kommt mit zehn Jahren ins Kinderhaus. Sie kann nicht lesen und nicht schreiben, nicht einmal ihren Namen. Zu Hause ist es immer traurig und dunkel, die Gardinen zugezogen. Nadines Mutter hat große psychische Probleme, Depressionen (später wird sie Selbstmord begehen). Sie hat keine Kraft für das Kind und immer wieder heißt es: „Geh weg, lass mich in Ruhe.“ Der Vater arbeitet in einer anderen Stadt und kommt nur am Wochenende nach Hause. Er interessiert sich nicht sonderlich für seine Tochter. Nadine ist sehr still und in sich gekehrt. Wiederholt kann sie nicht versetzt werden. Die Schule versucht vergeblich, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen und schlägt Alarm. Schließlich übernimmt das Jugendamt die Vormundschaft und bringt Nadine im Kinderhaus Mignon unter. Hier wird sie ein Jahr lang einzelbeschult, das heißt, ein Lehrerin kommt jeden Tag ins Kinderhaus und erteilt Nadine drei Unterrichtsstunden. Parallel dazu erhält sie therapeutische Reitstunden. Ihre musikalische Begabung wird erkannt, so dass sie sogar im namhaften Cantemus Kinderchor mitsingen darf. Sie erfährt zum ersten Mal im Leben, dass sie etwas kann und nicht wertlos ist. Das Ergebnis: Nach drei Monaten kann das Mädchen lesen, nach weiteren acht Monaten schreiben. Nach einem Jahr kommt sie altersentsprechend in die fünfte Klasse einer Realschule. Mit der Zeit baut sie Selbstvertrauen auf, lernt, dass das Leben schön ist und man Spaß haben darf. Mit dreizehn Jahren kann sie dann das Kinderhaus verlassen und zieht in eine Familie aus ihrer Verwandtschaft. Heute ist sie Anfang 20, hat die mittlere Reife und macht gerade eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin. Mittlerweile verfügt sie über eine enorme soziale Kompetenz und nimmt aktiv am Leben teil. 

 

 

* Alle Namen wurden geändert.

 


Anna hungert sich fast zu Tode

 

Anna* ist mit fünfzehn Jahren schon fast am Ende ihres Lebens angekommen. Sie hat sich auf 35 Kilo runter gehungert, ist nur noch Haut und Knochen und landet kurz vorm Sterben im Krankenhaus. Hier wird mit medizinischen Mitteln das Schlimmste verhindert.  Nachdem sie körperlich einigermaßen stabil ist, zieht sie ins Kinderhaus Mignon. Die schwere Magersucht ist noch lange nicht geheilt, deshalb wird sie hier psychotherapeutisch eng begleitet. Anna ist hoch intelligent und kommt aus gutem Hause. Besonders zu ihrer Mutter hatte sie immer eine starke Bindung. Es wird viel von ihr erwartet und, selbst extrem ehrgeizig, möchte sie immer Höchstleistung erbringen - bis sie innerlich am Druck zerbricht. Magersucht entwickeln zumeist sehr leistungsorientierte Mädchen. Zweieinhalb Jahre lebt Anna im Kinderhaus. Sie lernt, dass sie Verantwortung für sich übernehmen muss und dass sie ihre Angelegenheiten selbst regeln kann, ohne „Übereltern“, die alles besser wissen. Langsam nimmt sie zu und trifft ganz bewusst die Entscheidung: „Ich will nicht sterben, ich will leben!“. Sie macht Abitur, entdeckt im Kinderhaus ihre Begabung fürs Klavierspielen und wird Hotelfachfrau. Inzwischen hat sie geheiratet und eigene Kinder bekommen.

 

 


Tommy flieht vor häuslicher Gewalt

 

Der kleine Tommy* ist groß im Ausreißen. Immer wieder schnappt sich der Dreijährige unbemerkt sein Dreirad und fährt los, nur schnell weg von zuhause, irgendwohin, wo er sicher ist. Mehrmals greift ihn die Polizei mitten in der Stadt auf, einmal am Hamburger Hauptbahnhof, als er gerade in einen Zug einsteigen will. Zuhause hält er es nicht aus. Seine Mutter, selbst noch Teenager, ist mit der Erziehung komplett überfordert. Sein Vater, 20 Jahre alt, ist auch keine Hilfe. Gewalt bestimmt den Alltag. Nach einem Aufenthalt im Kinderschutzhaus kommt Tommy schließlich als Fünfjähriger ins Kinderhaus Mignon. In den folgenden Jahren macht Tommy ganz unterschiedliche Erfahrungen. Einerseits fällt ihm der Unterricht nicht leicht, da er wie seine Mutter stark lernbehindert ist. Erst in der achten Klasse kann er einigermaßen lesen. Dafür zeigt sich aber eine ausgeprägte praktische Bildungsfähigkeit. Tommy erfasst die Dinge eher über das eigene Handeln. So lernt er ausgezeichnet kochen und Fußball spielen, bessert sich sein Taschengeld als Schiedsrichter auf, spielt sehr schön Cello und kann schnell sicher Auto fahren. Seine große Stärke ist sein positives Wesen. Er geht auf Menschen zu, ist optimistisch, geht Probleme an und ist allseits beliebt. Und noch eine besondere Gabe kristallisiert sich heraus. Im Kinderhaus erhält er die Möglichkeit, Reitstunden zu nehmen, da der Umgang mit Tieren seelisch belasteten Kindern sehr gut tut. Nach kürzester Zeit ist Tommy vertraut mit den Pferden, reitet wie ein Profi und macht sich nach Kräften nützlich. Sein Einsatz bleibt nicht unbemerkt. Bald macht der Betreiber des Reit- und Therapiehofes ihm ein Angebot, das er freudig annimmt. So macht er hier aktuell eine Ausbildung zum Pferdepfleger. Eine erfahrene Psychologin der Kinder- und Jugendhilfe meint, so etwas wie Tommy sehe sie selten. Aus dem geprügelten Kind ist kein Harz-IV-Empfänger, sondern ein junger, hübscher Mann geworden, der mit beiden Beinen im Leben steht. Als seine Familie bezeichnet Tommy übrigens bis heute die Erzieher und „Geschwister“ des Kinderhauses.

 

 


An Maries Behinderung zerbricht fast die Familie

 

Maries* Familie ist eine glückliche Bilderbuchfamilie. Mutter, Vater und zwei gesunde Kinder. Beide Eltern sind Rechtsanwälte, stehen gut da, alles läuft bestens. Und dann kommt das dritte Kind. Marie ist schwer mehrfachbehindert. Die Mutter gibt ihr Bestes, versucht, für das Kind stark zu sein, aber Marie will einfach nicht gedeihen. Sie braucht ständige Versorgung, eine Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt. Die beiden Geschwister sind auch noch klein und die Eltern schaffen es nicht, allen gerecht zu werden. Langsam gerät die gesamte Familie aus den Fugen, hin und her gerissen zwischen Wut, Ohnmacht und Erschöpfung. Die Nachbarn beschweren sich, Freunde lassen sich verleugnen. Maries Mutter gehen die Kräfte aus, ihre Nerven liegen blank. Sie kann ihren Alltag nicht mehr bewältigen und sieht für die Zukunft nur noch schwarz. Immer öfter bricht sie mit heftigen Weinkrämpfen zusammen. Nach sechs Monaten wenden sich die Eltern schweren Herzens ans Kinderhaus Mignon. Hier erleben sie, dass es Menschen gibt, die sie nicht verurteilen, und die ihnen helfen, eine Lösung für ihre Situation zu finden. Ihnen wird klar, dass es legitim ist, Marie wegzugeben. Mit geschulten Erziehern, verschiedenen Therapeuten und einem spezialisierten Kindergarten mit Krippe gibt es im Haus Mignon Möglichkeiten, sich adäquat um Marie zu kümmern. Vier Jahre lebt das Kind im Kinderhaus. In dieser Zeit finden auch mit ihrer Familie, die über die ganze Zeit hin liebevollen Kontakt zu dem Mädchen hält, viele aufbauende Gespräche statt. Heute lebt Marie in einer anderen Einrichtung für mehrfachbehinderte Menschen. 

 


Jakob ist behindert, weil seine Mutter trinkt

 

Jakobs* Mutter hatte selbst eine schwere Jugend. Sie lebte damals in Ostdeutschland. Als ihre Eltern nach einem Fluchtversuch ins Gefängnis kamen, beschlossen die Behörden, dass die 14-Jährige nicht ins Heim müsse, da ihre ältere Schwester die Obhut übernehmen könne. Da ihre Schwester aber auch erst 16 Jahre alt war, klappte es vorne und hinten nicht. Schon in jener Zeit begann Jakobs Mutter, harten Alkohol zu trinken. Bis heute ist sie schwere Alkoholikerin. Jakob wird schon während ihrer Schwangerschaft geschädigt und kommt geistig behindert zur Welt. Die Mutter hat ihre eigenen Probleme, das Trinken, wechselnde, gewalttätige Partner, Selbstmordversuche. Das Kind nimmt sie kaum wahr. Mit drei Jahren holt ihn die Polizei völlig verwahrlost aus der Wohnung. Zunächst kommt er in Pflege zur besagten Schwester der Mutter. Aber auch diese ist psychisch labil und kann sich nicht zuverlässig um ihn kümmern. Wieder muss er ad hoc seine Bezugsperson verlassen und kommt schließlich ins Kinderhaus Mignon. Der mittlerweile Achtjährige ist aggressiv, zerstört Gegenstände, greift Kinder an, spielt „Töten“ und „Quälen“, kann nicht still sitzen. Er ist nicht lernfähig und verweigert die Schule. In Kooperation mit der Schule und mithilfe von Spendengeldern startet das Kinderhaus ein Programm, Jakob langsam in den Schulalltag zu integrieren. Anfangs bleibt er eine Unterrichtsstunde, später zwei, dann schon bis zur Pause. Begleitend erhält er Psycho-, Musik- und Reittherapien. Allmählich wird er ruhiger und lernt, besser mit anderen Kindern zu interagieren. Nach einem Jahr ist es soweit, er erhält einen Integrationsplatz an der Schule und kann sie verlässlich und regelmäßig besuchen. Das Kinderhaus bleibt mit Jakobs Mutter in Verbindung. Sie macht einen Entzug und schafft es, dauerhaft vom Alkohol wegzukommen. Danach ist sie bereit, Kontakt zu ihrem Sohn aufzunehmen. Langsam entsteht eine Beziehung. Jakob verbringt erste Wochenenden zu Hause, später sogar die ganzen Ferien. Die Erfahrung, von der Mutter angenommen und geliebt zu werden, lässt ihn regelrecht aufblühen. Er entwickelt sich deutlich schneller, wird viel selbständiger und ausgeglichener. Nach fünf Jahren kann er wieder zu seiner Mutter ziehen. Heute ist er 15 Jahre alt und besucht eine Schule für Kinder mit Behinderungen. Es geht ihm gut.